Cyclosiloxan-Substitution – Reformulierungsmarkt für D4/D5/D6-freie Luxury-Formulierungen

Cyclosiloxan-Substitution – Reformulierungsmarkt für D4/D5/D6-freie Luxury-Formulierungen

Image: © Behnam Norouzi / Unsplash+
Field Notes
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Juni 2026 · 11 Min. Lesezeit

Cyclosiloxan-Substitution
— Reformulierungsmarkt für D4/D5/D6-freie Luxury-Formulierungen

D4, D5 und D6 galten als unverzichtbare Bausteine der Luxuskosmetik. Seit EU-Beschränkungen greifen, steht die Branche vor einer der komplexesten Reformulierungsaufgaben der jüngeren Kosmetikgeschichte — und vor einer Innovationschance.


Cyclosiloxane — insbesondere D4, D5 und D6 — galten jahrzehntelang als unverzichtbare Formulierungsbausteine der Luxuskosmetik: Sie verliehen Texturen jene samtige Gleitfähigkeit, die Verbraucher weltweit mit Premium-Hautpflege assoziierten. Seit die Europäische Chemikalienagentur (ECHA) D4 als persistente, bioakkumulierende und toxische Substanz eingestuft und die EU-Kommission sukzessive Beschränkungen eingeführt hat, steht die Branche vor einer der komplexesten Reformulierungsaufgaben der jüngeren Kosmetikgeschichte.

Der Reformulierungsmarkt für D4/D5/D6-freie Luxury-Formulierungen ist dabei weit mehr als eine regulatorische Anpassungsübung. Er zwingt Formulatoren, jahrzehntealte Formulierungsphilosophien zu überdenken, und eröffnet gleichzeitig Chancen für eine Generation von Alternativrohstoffen, die in Sensorik, Biokompatibilität und Nachhaltigkeitsprofil neue Maßstäbe setzen können. Die Frage, welche Molekülklassen das Siloxan-Erbe überzeugend antreten können, ist in der Fachliteratur noch nicht abschließend beantwortet — aber der Stand der Forschung lässt klare Tendenzen erkennen.

~68%
aller Leave-on-Luxusprodukte enthielten 2020 mindestens ein Cyclosiloxan (Schätzung Industrieanalysen)
0,1 %
Grenzwert für D4 in abwaschbaren Kosmetika (EU-Verordnung 2018/35)
40+
publizierte Alternativsubstanzklassen in der aktuellen Reformulierungsliteratur

Spreitung, Flüchtigkeit und Löslichkeit definieren die funktionale Trias der Substitute

Um zu verstehen, warum Cyclosiloxan-Substitution so anspruchsvoll ist, lohnt ein Blick auf die multifunktionellen Wirkebenen, die D4/D5/D6 in einer Formel gleichzeitig abdeckten — und die nun durch unterschiedliche Substanzklassen in Kombination rekonstruiert werden müssen.

01
Emollienz & Spreitung

Cyclosiloxane besitzen eine außergewöhnlich niedrige Oberflächenspannung und verteilen sich mit minimaler Reibung auf der Hornschicht. Als Ersatz kommen leichte Esteröle wie Dicaprylyl Carbonat, Isononyl Isononanoat oder pflanzliche Squalane in Betracht. Sie können ein vergleichbares Spreitmuster erzielen, weisen jedoch häufig eine etwas höhere residuale Klebrigkeit auf — ein zentrales Formulierungsproblem im Premium-Segment, wo Texturerwartungen konsumentenentscheidend sind.

02
Flüchtigkeit & Filmbildung

D4 und D5 sind flüchtig: Sie tragen die Basis auf die Haut auf und verdunsten, ohne Rückstand zu hinterlassen — ein Mechanismus, der Sensorik und Wirkstoffabgabe zugleich steuert. Isododecane oder kurzkettige Isoparaffine können diese Flüchtigkeit partiell nachbilden, sind jedoch petrochemischen Ursprungs, was dem Clean-Beauty-Anspruch vieler Luxusmarken widerspricht. Biobasierte Alternativen wie Farnesane (C₁₅-Isoprenoid) befinden sich noch in frühen Phasen der skalengerechten Herstellung.

03
Löslichkeitsvermittlung & Wirkstoffträgerfunktion

Cyclosiloxane fungieren in Formulierungen häufig als Carrier für lipophile Wirkstoffe und stabilisieren Emulsionssysteme mechanisch. Ihre Substitution erfordert in der Regel eine simultane Anpassung der Emulsionsarchitektur — etwa den Wechsel zu Polyglyceryl-Emulgatoren oder die Integration von Mikroverkapselungssystemen, die Wirkstoffstabilität und gezielte Freisetzung neu organisieren.

Von Drop-in-Lösungen bis zu biofermentierten Polysaccharid-Matrizen

Reformulierungstyp · 01
Drop-in-Substitution
Die einfachste, aber oft unzulängliche Strategie: D5 wird 1:1 durch ein einzelnes Alternativemollient ersetzt, ohne die Gesamtformelarchitektur anzupassen. Diese Vorgehensweise führt in der Praxis häufig zu sensorischen Einbußen, veränderter Stabilitätskinetik und abweichender Wirkstoffbioverfügbarkeit. Sie ist in der Luxuskategorie kaum vertretbar, ohne Verbraucherwahrnehmung zu riskieren.
Reformulierungstyp · 02
Blended Silicone-free Base
Hier wird eine vollständig neu konzipierte Basismatrix entwickelt, die aus zwei bis vier komplementären Alternativrohstoffen besteht — typischerweise ein flüchtiger Kohlenwasserstoff, ein biobasiertes Emollient und ein texturmodifizierendes Polymer. Dieser Ansatz nähert sich dem Originalempfinden am stärksten an, erfordert jedoch umfangreiche Stabilitätstests und erhöht Rohstoffkomplexität erheblich.
Reformulierungstyp · 03
Biofermentierte Polysaccharid-Matrizen
Zunehmend werden biofermentierende Verfahren genutzt, um Texturmodifikatoren wie Pullulan, Levan oder biotechnologisches Hyaluronat zu erzeugen, die sensorische Funktionen der Cyclosiloxane partiell übernehmen können. Diese Systeme besitzen zugleich aktive Hautpflegeeigenschaften, was sie im Luxury-Kontext besonders attraktiv macht — sie ersetzen nicht nur, sondern fügen Mehrwert hinzu. Weiterführend dazu: Encapsulation, Fermentation & Polysaccharid-Gele.
Reformulierungstyp · 04
Emulierende Siloxan-Analoga
Lineare, niedermolekulare Polysiloxane wie Dimethiconol oder bestimmte Phenyl-Silicone unterliegen (derzeit) nicht denselben Restriktionen wie D4–D6. Marken, die eine Silicone-free-Positionierung nicht anstreben, weichen daher auf diese strukturell verwandten, regulatorisch noch unbeschränkten Varianten aus — eine Strategie mit zeitlichem Risiko, da der regulatorische Druck auf Silikone insgesamt zunimmt.
EU-Verordnung 2018/35 (D4-Beschränkung) REACH-Restriktionen D5/D6 Clean-Beauty-Konsumentendruck Lieferkettenkomplexität Sensorische Äquivalenzprüfung Stabilitätsanpassung Emulsionssysteme

Die Substitution von Cyclosiloxanen ist kein Rohstofftausch, sondern eine systemische Neugestaltung von Formulierungsarchitekturen. Marken, die diesen Prozess als reine Compliance-Aufgabe behandeln, riskieren sensorische Qualitätsverluste; Marken, die ihn als Innovationsgelegenheit begreifen, können nachhaltigere und in ihrer Wirkstoffkomplexität reichhaltigere Produkte entwickeln. Der Reformulierungsmarkt ist damit auch ein Selektionsmechanismus für Formulierungskompetenz.

Squalane, Polyglyceryl-Emulgatoren und Fermentate etablieren sich als zentrale Formulierungsbausteine

Förderlich
  • Biobasierte Emollients (Squalane, Farnesane) für hautkompatible Spreitung ohne petrochemische Rückstände
  • Polyglyceryl-Emulgatoren für stabile, silicone-freie Emulsionsarchitekturen mit verbessertem Hautgefühl
  • Fermentierte Polysaccharid-Texturgeber, die Sensorik und aktive Wirkpflege kombinieren
Belastend
  • Rohstoffkombinationen mit erhöhter Okklusion, die Poren überlasten können — insbesondere bei komedogenem Potenzial einzelner Ersatzöle
  • Flüchtige Isoparaffine petrochemischen Ursprungs als kurzfristige Drop-in-Lösung ohne Clean-Beauty-Kompatibilität
  • Regulatorisch temporär unbeschränkte Siloxan-Analoga, die das eigentliche Umstiegsproblem lediglich zeitlich verschieben

Das NATURFACTOR® Porcelain Skin Serum begleitet den Tag mit einer vollständig cyclosiloxan-freien Texturmatrix, die auf dem Bioactive Infusion Complex™ basiert: Biofermentierte Texturmodifikatoren, pflanzliches Squalan und präzise dosierte aktive Wirkstoffe verbinden sich zu einer Sensorik, die keine Kompromisse zwischen regulatorischer Compliance und Luxusgefühl macht. Für die Nachtpflege ergänzen die Blue Crystal Drops die Routine: Ihre regenerativ ausgerichtete Formulierung verzichtet bewusst auf jede Form von Cyclosiloxan und nutzt stattdessen bioaktive Lipidkomplexe, die mit dem nächtlichen Hautrhythmus synchronisiert sind und die chronobiologischen Reparaturprozesse der Haut unterstützen können. Mehr zur Frage, warum Formulierungsqualität wichtiger ist als die bloße Anzahl von Inhaltsstoffen, findet sich im Field-Notes-Beitrag Formulierung wichtiger als Wirkstoffanzahl.

Bei spezifischen Hautanliegen – etwa anhaltenden Reizungen nach einem Produktwechsel infolge einer Reformulierung – sollte eine fachärztliche Einschätzung eingeholt werden.

Häufige Fragen

Warum wurden D4, D5 und D6 überhaupt so weit verbreitet eingesetzt?

Cyclosiloxane boten eine seltene Kombination aus außergewöhnlicher Flüchtigkeit, niedriger Oberflächenspannung, chemischer Inertheit und neutralem Geruch. Sie ermöglichten seidige Texturen ohne Fettfilm, stabilisierten Emulsionen und fungierten als Träger für lipophile Wirkstoffe — Eigenschaften, die in einer einzelnen Substanzklasse kaum andersweitig gebündelt verfügbar waren. Das erklärt, warum sie im Luxussegment ab den 1990er-Jahren nahezu ubiquitär wurden.

Sind lineare Silikone wie Dimethicone ebenfalls betroffen?

Derzeit unterliegen lineare Polysiloxane wie Dimethicone (Polydimethylsiloxan) und Phenyl-Silicone nicht denselben EU-Beschränkungen wie die cyclischen Varianten D4–D6. Allerdings zeigt der regulatorische und kommunikative Trend, dass auch dieser Rohstoffbereich zunehmend unter Beobachtung steht. Marken mit einer expliziten Silicone-free-Positionierung schließen lineare Silikone bereits freiwillig aus. Eine Reformulierungsstrategie, die auf langfristige Resilienz ausgelegt ist, sollte dieses Szenario mitberücksichtigen.

Wie erkennt man als Verbraucher cyclosiloxan-freie Produkte?

In der INCI-Liste sind D4, D5 und D6 unter den Namen Cyclotetrasiloxane, Cyclopentasiloxane und Cyclohexasiloxane aufgeführt. Produkte, die diese Begriffe nicht in der Zutatenliste führen, sind formal cyclosiloxan-frei im Sinne der beschränkten Verbindungen. Zertifizierungen wie COSMOS Organic schließen Cyclosiloxane systematisch aus. Marken mit transparenter Ingredient Integrity deklarieren diese Entscheidungen aktiv in ihrer Kommunikation.

Leidet die Produktqualität unter der Reformulierung?

Das hängt maßgeblich von der Formulierungstiefe ab. Eine reine Drop-in-Substitution führt häufig zu messbaren sensorischen Einbußen — engere Spreitung, höhere Resttackyness, veränderte Wirkstoffkinetik. Formulierungen, die von Grund auf neu konzipiert werden und moderne biofermentierte Texturmatrizen, optimierte Emulsionssysteme und aktive Wirkstoffkomplexe kombinieren, können die Lücke nicht nur schließen, sondern darüber hinausgehen. Die Reformulierung ist also qualitätsneutral oder sogar qualitätsverbessernd — wenn die nötige Formulierungskompetenz vorhanden ist.

Referenzen
  1. Brooke, D. N., Crookes, M. J., Gray, D. & Robertson, S. (2009). Environmental risk assessment report: Decamethylcyclopentasiloxane. Environment Agency (UK), Science Report SC040038/SR3.
  2. European Chemicals Agency (ECHA) (2018). Restriction of D4 and D5 in wash-off cosmetic products. ECHA Committee for Risk Assessment (RAC) & Committee for Socio-economic Analysis (SEAC) Opinion. Commission Regulation (EU) 2018/35.
  3. Montemayor, B. P., Price, B. B. & Agin, G. L. (2013). Efficacy of a leave-on facial serum formulated with biomimetic peptides and silicone alternatives. Journal of Cosmetic Dermatology, 12(4), 290–296.
  4. Nair, B. (2003). Safety assessment of cyclic silicones: Cyclotetrasiloxane, cyclopentasiloxane, cyclohexasiloxane and cycloheptasiloxane. International Journal of Toxicology, 22(Suppl 2), 11–35.
  5. Fiume, M. M., Heldreth, B., Bergfeld, W. F., et al. (2015). Safety assessment of cyclomethicone, cyclotetrasiloxane, cyclopentasiloxane, cyclohexasiloxane, and cycloheptasiloxane. International Journal of Toxicology, 34(Suppl 1), 65S–115S.

Dieser Artikel dient ausschließlich zu Informationszwecken und stellt keine medizinische Beratung dar. Bei spezifischen Hautanliegen empfehlen wir, einen Facharzt für Dermatologie aufzusuchen.

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